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Archive für August 2009
Wirtschaftlicher Striptease beim Schuldnerberater
31.8.2009 von Thilo Nordmeyer.
Der 42-Jährige kommt im ärmellosen T-Shirt und bringt einen prall gefüllten Schnellhefter zum Schuldnerberater mit. Er ist vorbereitet, weiß, dass ihm ein «wirtschaftlicher Striptease» bevorsteht.
Der Arbeiter bei Bosch in Hildesheim ist einer von mehr als 21 000 Niedersachsen im Jahr, denen die Schulden über den Kopf wachsen und die professionelle Hilfe suchen. In der durchsichtigen Mappe mit gelbem Rand stapeln sich unbezahlte Rechnungen von Mobilfunk- und Internetanbietern, Rundfunkgebühren, Krankenhäusern sowie Mahnbescheide von einem Kreditkarteninstitut.
«Die Beträge sind für sich genommen nicht mal hoch, nur die Summe bereitet die Probleme», sagt der Leiter der Schuldnerberatung beim Diakonischen Werk Hildesheim-Sarstedt, Dieter Hohmann. Als erstes rät er, den teuren Handyvertrag endlich zu kündigen. «Ja, das werde ich dann wohl mal tun», ist die lapidare Antwort - eine von denen, die der gelernte Bankkaufmann Hohmann in 16 Dienstjahren schon oft gehört hat.
Der 50-Jährige muss immer wieder nachhaken, ehe die Klienten selbst etwas tun, um aus der Misere herauszukommen. Hohmann telefoniert mit den Gläubigern und sucht nach Lösungen, in seltenen Fällen übernimmt er auch die Kreditverhandlungen mit Banken. «Sollte alles scheitern, und es bleibt nur noch die Verbraucherinsolvenz, helfe ich auch bei dieser komplizierten Sache.» Von den im vorigen Jahr abgeschlossenen 158 Beratungen endeten gut ein Drittel mit der Verbraucherinsolvenz. In jedem fünfte Fall konnten sich die Beteiligten außergerichtlich einigen, ebenso viele brachen die Beratung ab.
Insgesamt gibt es in im Land Niedersachsen 75 geförderte Beratungsstellen. «Die Schuldnerberatung ist keine generelle gesetzliche Pflichtaufgabe der Kommunen, sollte aber im Rahmen der Sozialhilfe ermöglicht werden», sagt Christian Geiger vom Niedersächsischen Städtetag. Land und Kommunen helfen bei der Finanzierung der für die Klienten kostenlosen Angebote der Wohlfahrtsverbände und Kirchen. Auch Spenden gibt es für die Beratungsstellen. Etwa ein Drittel der Ratsuchenden beziehen nach Angaben des Sozialministeriums Hartz IV und 16 Prozent Sozialhilfe. Zehn Prozent sind Rentner, und ein Drittel ist erwerbstätig.
Zweimal in der Woche bietet die Diakonie in Hildesheim «offene Sprechstunden» an, bei denen die Dringlichkeit geklärt wird. Im Vorjahr lag die Wartezeit im Schnitt bei sieben Tagen. «Die Fälle werden immer komplexer, dadurch ist die psychologische Belastung immens groß. Da können wir nicht wochenlang warten», betont Hohmann.
«Ich bin seit Monaten in Kurzarbeit mit deutlich weniger Einkommen», begründet der 42-Jährige sein finanzielles Schlamassel. Ein Blick in seine Akte zeigt, dass monatelange Alkoholexzesse und anschließende Therapien den Abstieg beschleunigt haben. Zwei Ehen hat er hinter sich und ein Verfahren wegen Unterhaltszahlung für sein Kind steht noch an.
Petra Josy, Fachreferentin für Schuldnerberatung bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) sagt: «Oft ist nicht klar: Trinkt jemand, weil er Schulden hat oder hat er Schulden, weil er trinkt.» Allerdings kämen immer häufiger Menschen unverschuldet in eine finanzielle Notlage. «Durch Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit oder auch Krankheit können viele ihren Lebensplan nicht mehr einhalten», sagt die Expertin.
Dabei sind es manchmal einfache Tipps, die helfen, das Geld zusammenzuhalten. «Wer 60 Filterzigaretten am Tag raucht und partout nicht davon lassen kann, soll selbst drehen, das ist billiger», sagt Sozialpädagogin Anja Hoppe. Auch das Einkaufen müssten viele erst lernen. «Sie kaufen immer wieder am Kiosk um die Ecke, statt bei dem deutlich günstigeren Discounter.» Zudem treibe viele der Reiz, sich mit Ratenkäufen Luxusgüter zu leisten, in die Schuldenfalle. «Geld für Schulbücher oder den Schulausflug der Kinder ist dann oft nicht mehr da», sagt Hoppe.
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